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Beobachtet
man die Minuten vor dem Start fast jeden Mountainbikerennens,
so ist auffällig, dass übermäßig viele
Rennteilnehmer anfangen zu gähnen. Dies ist insofern
verwunderlich, als doch das Gähnen gemeinhin als Zeichen
von Müdigkeit und Langeweile gilt und in der
Vor-Startspannung eigentlich völlig deplaziert ist.
Grund
genug, einmal einen genaueren Blick auf dieses hochkomplexe
Phänomen zu werfen. Der Vorgang des Gähnens unterliegt
nicht der Willkür und besteht aus einem reflexartigen
hervorschieben des Unterkiefers mit übermäßiger
Öffnung des Mundes und Erweiterung der Schlundmuskulatur.
Der Mensch beginnt bereits vor der Geburt im Mutterleib mit
diesem Vorgang. Im ersten Lebensjahr gähnt der Mensch am
häufigsten, in der Regel 25 bis 30 mal am Tag. Die
Gähnfrequenz nimmt dann in ähnlich etwa dem
Schlafbedarf mit steigendem Lebensalter ab. Interessanterweise
gähnen auch fast alle Tierarten, vom Fisch bis zum
Löwen.
Diese Tatsache legt nahe, dass das Gähnen
ein entwicklungsgeschichtlich sehr alter Vorgang sein muss.
Wissenschaftlich wurde dementsprechend auch zunächst das
Gähnverhalten in verschiedensten Tierspezies untersucht. In
zahllosen Experimenten konnten verschiedene Aspekte
herausgearbeitet werden, die auf den Sinn dieses reflexartig
ablaufenden Bewegungsmusters hindeuten. So konnte z. B. gezeigt
werden, dass Löwen kurz vor der Jagd überproportional
häufig gähnen und bestimmte Fischarten, wenn das
Wasser, in dem sie leben mit Stresshormonen versetzt wird,
ebenfalls einen Anstieg der Gähnfrequenz zeigen.
Interessant ist ebenfalls, dass Leitaffen bei Affenherden
häufiger gähnen als nicht-Leitaffen. Diese
Tatsachen deuten also darauf hin, dass Gähnen keinesfalls
ein Anzeichen von Müdigkeit ist, sondern den Organismus
scheinbar stressbereiter macht bzw. sein Vigilanzniveau steigern
soll. Dies ist auch physiologisch-anatomisch gut zu erklären:
Beim Gähnen kommt es durch eine komplexe Aktivierung
verschiedenster Muskelgruppen und nervalen Zyklen zu einer
Steigerung der Herzfrequenz und des Muskeltonus. Eine Funktion
des Gähnens kann also als Versuch der "Schlaf- und
Müdigkeitsbekämpfung" angesehen werden, und nicht
umgekehrt.
Oft wird auch beobachtet, dass Gähnen
ansteckend sei. Das ist wirklich so. Allein durch Projektion von
Filmsequenzen, die den Gähnvorgang darstellen, kann bei
Versuchspersonen ein eigener Gähnvorgang ausgelöst
werden. Die Ansprechrate ist durchweg unterschiedlich, manche
gähnen mehr, manche weniger. Interessanterweise ist die
Ansprechrate direkt mit dem Maß der Empathie (dem
Einfühlungsvermögen) einer Person korreliert. Gute
"Einfühler" gähnen also auch
überdurchschnittlich häufig mit.
Entwicklungsgeschichtlich erklärt die Wissenschaft diese
Ansteckung des Gähnens mit einer "Gleichschaltung des
Vigilanzniveaus (Aufmerksamkeitsniveaus) innerhalb einer
Gruppe". So kann bei verschiedenen Mitgliedern einer Sippe
z. B. das Aufmerksamkeitsniveau gleichgeschaltet werden und
es entsteht ein unter Umständen entscheidender
Selektionsvorteil für die Gähnenden, nämlich
dann, wenn es um erhöhte Wachsamkeit und Koordination
innerhalb einer Gruppe geht, wie z. B. im Überlebenskampf
der Steinzeitmenschen.
Welche dieser Aspekte letztendlich
für das kollektive Gähnen am Start vieler MTB Rennen
verantwortlich sind, kann an dieser Stelle nicht beantwortet
werden. Sicher ist jedoch, dass es keine Langeweile oder
Müdigkeit ist, die diesen archaischen Ablauf bei den
Athleten auslöst.
Priv.
Doz. Dr. Y. O. Schumacher Medizinische
Universitätsklinik Abteilung Rehabilitation, Prävention
und Sportmedizin Hugstetter Str. 55 79106
Freiburg Germany
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